Ein weiteres Indiz für das philosophische Verlangen des Kaisers, die antike Götterwelt der Spätantike näher an den Neuplatonismus heranzuführen (oder in diesem Fall sogar eher umgekehrt) bildet für mich seine Hinwendung zur Theurgie.
Die spätantiken Mysterienkulte (Isis, Sol Invictus, Mithras und all die Anderen) bildeten das emotionale Rückrat der spirituellen Empfindungswelt der Menschen dieser Zeit - für mich bedeutet es vom menschlichen Verhalten her gar keinen Widerspruch, warum schließlich auch der auf Logos gegründete Neuplatonismus sich seinen emotionalen Zugang zum „Mythos“ zu gestalten begann.
Hallo Artjulain,
es hat etwas gedauert, bis ich die Rechcherche für meine Antwort durchgeführt habe.
Die deutschsprachige Quellenlage wird von Christen beherrscht, die ihre Sicht der Dinge zum Maßstab der Sekundärliteratur machen. Unkundige fallen darauf herein. Zum Glück wird bei den Übersetzungen nicht mehr so viel geschwindelt.
Fangen wir mal mit der zentralen Frage an, ob Julian die antike Götterwelt der Spätantike näher an den Neuplatonismus heranführen wollte oder umgekehrt. In der Tat war der Neuplatonismus nur die Religionsphilosophie einer Bildungselite. Als Julian im Dezember 361 die christliche Unterdrückung beendete, lebten einfach die alten Kulte wieder auf, weil die breite Masse nichts anderes kannte. Deshalb ist man versucht zu vermuten, die alten Kulte sollten nichts weiter als eine populäre Verpackung des Neuplatonismus sein. Für die christlichen Interpreten liegt diese These deswegen umso näher, als nach ihrer Deutung der Neuplatonismus ein Monothesismus ist. Und das ist für Uneingeweihte auch nicht leicht zu durchschauen. Aber schauen wir mal genau hin.
Ich hatte ja bereits aus dem 2. Kapitel bei Salustios' "Von den Göttern und der Welt" folgenden Satz zitiert:
"Sie sind weder von der ersten Ursache aller Dinge, noch von einander abgesondert: Wie Begriffe nicht ohne den Verstand, Wissenschaften nicht ohne die Seele existieren:"
Im 5. Kapitel behandelt Salustios dann die Frage, was die erste Ursache ist. Dort heißt es:
"Die erste Ursache muß eine einzige sein; denn über jeder Mehrzahl steht eine Einheit und übertrifft alles an Kraft und Güte; deswegen hat auch alles notwendigerweise an ihr Anteil. Nichts anderes hemmt sie wegen ihrer Kraft; von nichts entfernt sie sich wegen ihrer Güte."
Für "Einheit" wird dabei im griechischen Urtext "monas" verwendet. Denn "monas" bedeutet zwar im Zusammenhang mit Zahlen durchaus "eine" oder "einer" , ansonsten jedoch "Einheit". Mit den Übersetzungen ist das immer so eine Sache: "ta partenos" bedeutet sowohl "Jungfrau" als auch "junge Frau". Wie haben sich nun die Neuplatoniker den Begriff der "monas", also der Einheit, welche nach ihrer Lehre ja die erste Ursache von allem ist, vorgestellt?
1. Daß die Wortlautinterpreatation einen Doppelsinn haben kann, habe ich bereits dargesgestellt. Was für die Beteiligten jener Zeit noch evident war, müssen wir uns durch Auslegung erschließen.
2. Zur systematischen Interpretation der Schrift des Salustios gehört mit Sicherheit das zweite Kapitel, in dem ausdrücklich steht, daß die Götter nicht von der ersten Ursache getrennt sind. Nach dieser Aussage Salustios' sind die Götter der ersten Ursache also nicht etwa nachgeordnet, sondern Teil von ihr.
3. Zur historischen Interpretation ist anzumerken, daß Salutios von 355 bis 363 einer der engsten Ratgeber Julians war und daß beide in ständigem geistigen Austausch über Religionsfragen gestanden hatten. Im Dezember 361 hatte Julian alle Beschränkungen für das Heidentum aufgehoben und die Tempel wieder geöffnet. Von daher ist nicht erkennbar,
welchen Sinn ein "Monotheismus durch die Hintertür", - das ist genau das , was einem von der deutschen Sekundärliteratur ständig eingeflößt wird -, hätte machen können.
Dafür spricht auch der Lebenslauf des jungen Julian. Im Exil seiner Jugend war sein Lehrer der Heide Mardonius, der ihn zunächst mit den Schriften klassischer Dichter wie Hesiod, Homer und anderen vertraut machte. Im Alter von 18 und 19 Jahren hörte er dann in Pergamon neuplatonische Vorlesungen bei Eusebios. Danach dürfte er den Neuplatonismus als die zeitgemäße Form des Altglaubens wahrgenommen haben.
4. Die logische Interpretation führt uns zu der Frage, was die Neuplatoniker unter dem Begriff "Einheit" verstanden haben. Soll das ein "atomon" (Individuum) gewesen sein, wie uns die Christen einreden wollen? Dazu müßte man jetzt eigentlich die Schrift des Damaskios lesen, des letzten Lehrers der Athener Akademie. In der Schrift "Aporai kai lyseis peri ton proton Archon", legt Damaskios dar, daß die Ursache von Allem, welche zugleich das Ganze umfassen soll, kein partikulares Eines sein kann. Das ist sehr kompliziert, und ich will es deshalb
an dieser Stelle auf eine einfache Aussage reduzieren: Individuum heißt auf deutsch "das Unteilbare". Was aber unteilbar ist, kann unmöglich mehrere Teil hervorbringen. Deshalb ist die "monas", die Einheit welche die erste Ursache ist, eine Pluralität. Damaskios nennt sie "e koinonia", zu deutsch: die Gemeinschaft (das erscheint uns Heiden doch irgendwie vertraut, oder?). Und für die Neuzeit formuliert Antelme-Édouard Chaignet: "La pluralité des Dieux procède de la pluralité en soi (Die Pluralität der Götter geht der Pluralität an sich voraus)."
Unser Verständnisproblem für die erste Ursache beruht also darauf, daß wir "monas" als Individuum verstehen, darauf war der Begriff der Einheit aber gar nicht festgelegt. Auch eine Gemeinschaft, eine Truppe, ein Verein kann eine Einheit sein. Auch hier ist das Ganze mehr als nur die Summe seiner Teile (Mitglieder), aber dennoch würden wir niemals den Verein als Individuum bezeichnen. Erst die Ablösung der res publica, des Senates, des Areopags durch monarchische Alleinherrscher führte zu diesem die Gemeinschaft verkennenden Begriffswandel. Die erste Ursache bei Salustios (prote aitia) war eine als Gemeinschaft gedachte monas. Das muß man verstanden haben. Mir hat Damaskios dabei geholfen.
Damit kann ich jetzt Deine Frage , welche Bedeutung der Neuplatonismus in der Schrift Peri Theon Kai Kosmou hatte, beantworten. Aber lassen wir ruhig einen Christen zu Wort kommen:
"Julian tried to revitalize the whole of traditional cult. His friend an spokesman Sallutius significally has nothing to say about worship. He assumes from beginning to end that his readers and fellow 'hellenes' will continue to worship the traditional gods. The Neoplatonic doctrine is in no sense a substitute, or even a supplement of the traditional cults. Its function is rather to provide rational justification for the belief in the reality of supernatural nonmaterial divinities by demonstating that immaterial Mind has created, or rather is even creating, the universe (W. Liebenschütz, The Significance of the Speech of Pretextatus, in: P. Athanassiadi, M Frede (Hg.), Pagan monotheism in Late Antiquity, S. 203, zit. nach: Melsbach, Detlef, Strukturen paganer Thelogie in Salustios' Peri Theo kai Kosmou, Schriftenreihe Studien zur Kirchengeschichte, Band 7, Hamburg 2007, S. 202)."
Das mit dem "pagan monotheism" wird von diesen Leuten natürlich durchgezogen, ganz in der Hoffnung, wir würden den Schwindel bei der Übersetzung von "monas" nicht durchschauen. Nun, das haben die Götter anders gefügt, "e koinonia", die Gemeinschaft, läßt sich nicht täuschen, und erst recht nicht bei der ersten Ursache.
Liebe Grüße
Haganrix